Die Reise durch die Nordsee beginnt gleich hinter den Eisbären und führt schnell zur Erkenntnis: Seehasen sind verfressen und der Schnepfenfisch sichert sein Überleben durch Kopfstand! Im Zoo am Meer in Bremerhaven weiß Taissa Faust zu jedem Fisch in den Aquarien etwas zu erzählen. Die Biologin betreut im kleinsten wissenschaftlich geführten Zoo Europas rund 1200 Tiere.
Die Freundschaft eines Fisches gewinnt man nicht leicht – „das funktioniert am besten über das Futter“, sagt Taissa Faust und lacht. „Aber die Fische sehen uns hier draußen, so wie sie da drinnen sehen, sie erkennen Menschen auch wieder“, weiß sie. Wie zur Bestätigung versammelt sich ein Schwarm aus gut 400 Dreistachligen Stichlingen hinter ihr an der Scheibe und wimmelt rund um ihren Kopf. Taissa Faust ist die Kuratorin des Nordsee-Aquariums, das in Bremerhaven schon auf eine mehr als 100 Jahre alte Tradition zurückführt. Kuratorin? Vermuten würde man die wohl eher in einem Museum oder einer Kunstgalerie als in einem Zoo.
Aquarien faszinieren Taissa Faust seit ihrer Kindheit
„Ich kümmere mich um die gesamten Belange des Aquariums, wie sehen die Aquarien aus, stimmt der Fischbesatz noch, brauchen wir neue Fischarten? Aber auch die Wassertechnik im Hintergrund gehört dazu, unseren Fischen soll es schließlich gut gehen“, sagt die Aquaristin. Wer schon als Zehnjährige sechs Aquarien im Kinderzimmer stehen hatte, ist dafür wohl bestens qualifiziert.
Ursprünglich war die heute 29-Jährige beruflich eher auf Tropenfische fixiert. Doch dann hat die Nordsee die gebürtige Hamburgerin gepackt. „Das ist unser Hausmeer, direkt vor der Tür. Darum sollen wir uns kümmern, es schützen – und die Nordsee ist bei Weitem nicht so grau, wie viele Menschen denken“, betont sie. Zehn Aquarien von 1000 Liter bis 100.000 Liter Größe betreut sie im Zoo am Meer und die Farbenpracht ist in der Tat erstaunlich. Taissa Faust stoppt beim Rundgang vor ihrem Lieblingsfisch.
Die Nordsee ist nicht so grau wie man denkt
„Das hier ist der Kuckuckslippfisch. Blau-Lila Körper, orange Flossen – wer würde den in der Nordsee vermuten? Oder da drüben: der Schnepfenfisch – knallorange“, zeigt sie. Tatsächlich haben diese beiden Fischarten abgesehen von ihren Farben körperlich eine weitere Besonderheit zu bieten: Alle Kuckuckslippfische kommen als Weibchen zur Welt und werden erst später zu Männchen. Der Schnepfenfisch wiederum steht senkrecht im Wasser anstatt waagerecht, um seine Fressfeinde zu täuschen. „Damit imitiert er das Gras der Seegraswiese, in dem er lebt. Raubfische reagieren auf das typische Bild eines Beutefisches, also horizontal – und nehmen ihn bestenfalls nicht wahr“, erklärt Taissa Faust.
In der Nordsee sind Seegraswiesen inzwischen durch die Intensivnutzung zur Seltenheit geworden und damit auch die Schnepfenfische. Noch dazu verändern auch die steigenden Wassertemperaturen den Fischbestand, wie Dr. Gerd Kraus vom Thünen-Institut für Seefischerei im Bremerhavener Fischereihafen weiß. „Wir haben mittlerweile viele Wolfsbarsche in der Nordsee – ein Fisch, den man sonst eher Richtung Mittelmeer verortet. Auch Tintenfische kommen inzwischen in solchen Mengen vor, dass Fischer im Skagerrak speziell auf Tintenfisch gehen“, schildert der Meeres-Experte. Waren Seepferdchen sonst eher die Ausnahme, kommen sie inzwischen häufiger vor und werden schon mal an die Strände gespült.
Nur im Aquarium: Doraden von einem halben Meter Größe
Dieses gesamte Unterwasser-Leben lässt sich im Nordsee-Aquarium live erleben – ohne dafür einen Tauchlehrgang machen zu müssen. „Wir starten unsere Reise in der Weser und gehen über die Deutsche Bucht bis in die Tiefen des skandinavischen Skagerraks“, erzählt Taissa Faust. Das reicht vom Helgoländer Hummer über die Seeanemonen und den Katzenhai bis zur beeindruckenden, mehr als einen halben Meter großen Dorade. „Solche Fische gibt es im offenen Meer durch die intensive Fischerei fast gar nicht mehr. Diese Doraden sind seit der Eröffnung des Aquariums hier, also zwölf Jahre alt.“
Die Folgen der Fischerei zeigt auch das Becken mit den Europäischen Austern. Diese Muschelart gilt durch Überfischung in der Nordsee seit 100 Jahren praktisch als ausgestorben. Gemeinsam mit dem bekannten Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut hat der Zoo am Meer ein Projekt gestartet, bei dem die Europäische Auster wieder in der Deutschen Bucht angesiedelt werden soll. „Früher hat diese Muschel große Riffe in der Nordsee gebildet, ähnlich wie Korallenriffe in den Tropen als Kinderstube für viele Tiere und Pflanzen“, erzählt die Kuratorin. „Bei uns zeigen wir beispielhaft, wie diese Riffe ausgesehen haben und bald hoffentlich wieder aussehen werden.“
Austernzucht im Fischereihafen von Bremerhaven
Auch bei diesem Projekt kommt die Bremerhavener Kompetenz in Sachen Meeresforschung ins Spiel. Die notwendigen Jungaustern für das gut 14 Millionen Euro teure Vorhaben werden ab diesem Jahr überwiegend im Fischereihafen gezüchtet. Das dortige Thünen-Institut für Fischereiökologie kümmert sich darum, dass zukünftig mehrere Millionen Tiere von der Aquakultur in die Nordsee ausgewildert werden können. Finanziell gefördert wird das Projekt vom Bundesamt für Naturschutz.
Seenadeln, Goldmaid, Klippenbarsch, Seenelke, Knurrhahn, Nagelrochen, Katzenhai, Eis-Seestern - insgesamt 78 Tier- und Fischarten zeigt das Nordsee-Aquarium und hat sich damit auch zu einem begehrten Spezialisten für den Austausch mit anderen Aquarien gemacht. „Ein oder zwei Nordseebecken haben viele Zoos, aber in der Ausprägung und Qualität wie hier ist das selten“, betont Taissa Faust. Nachzuchten aus dem Zoo am Meer sind deshalb europaweit begehrt und werden regelmäßig von der Kuratorin weitergegeben.
Zoo entstand um die Aquarien herum
Ein faszinierendes „Fenster zur Nordsee“ will das Aquarium sein und damit auch den Bogen zu den Anfängen des Zoos am Meer vor mehr als 100 Jahren schließen. Es waren Aquarien in einer Wartehalle für Passagiere des Norddeutschen Lloyd, um die herum sich der heute kleinste wissenschaftlich geführte Zoologische Garten Europas entwickelte. Durch die Lage direkt am Deich und die guten Kontakte zur Schifffahrt war es immer möglich, natürliches Meerwasser für die Aquarien zu nutzen und besondere Meerestiere zeigen zu können. Die Umbaupläne der Tiergrotten ab 2001 aber sahen kein Aquarium mehr vor – für einen „Zoo am Meer“ unverzichtbar, urteilten die Besucher. Der Bau des Nordsee-Aquariums unter der Eisbären-Anlage war im Jahr 2013 die Antwort darauf.
Darum sind die Seehasen verfressen
Zurück zu Taissa Faust und der Fütterung der Fische: „Die Seehasen sind besonders verfressen“, stellt die Biologin fest. Sobald sich auch nur irgendwas an der Wasseroberfläche rührt, sind die bis zu 50 Zentimeter großen Fische zu Stelle. Und das gilt auch für die Scheiben des Aquariums: Steht ein Besucher vor dem Becken, sind auch die neugierigen Seehasen da. Schließlich könnte es ja was zu fressen geben. Verwunderlich ist der immense Appetit kaum, denn die Seehasen sind außer neugierig auch sehr fleißig bei der Produktion von Nachwuchs. Ein einziges Gelege kann bis zu 2000 Eier enthalten. Damit sich die Fische nicht unkontrolliert vermehren, schaut Taissa Faust auch im Nest nach und fischt gelegentlich Eier ab. „Ja, man kann fast sagen, die Seehasen sind wie ihr Gegenstück an Land: Sie vermehren sich wie die Karnickel“, lacht die Kuratorin. Dann setzt sie junge Seepferdchen im neuen Seepferdchen-Becken aus.
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Bildunterschriften
BU1.1: Setzt das Nordsee-Aquarium in Bremerhaven in Szene: Kuratorin Taissa Faust. Foto: Helmut Stapel
BU2.2: Zeigt eindrucksvoll die Unterwasserwelt von der Weser bis ins Skagerrak: das Nordsee-Aquarium im Bremerhavener Zoo am Meer. Foto: Helmut Stapel
BU3.3: Beeindruckende Nähe im Aquarium: Auch Tintenfische finden sich wegen steigender Wassertemperaturen in immer größerer Zahl in der Nordsee. Foto: Helmut Stapel
BU4.4: Wird wieder in der Deutschen Bucht angesiedelt: die ausgestorbene Europäische Auster (rechts), als Gegenpol zur eingewanderten Pazifischen Auster (links). Foto: Helmut Stapel
BU5.5: „Die Fische sehen uns hier draußen“ – Kuratorin Taissa Faust mit dem Schwarm aus Dreistachligen Stichlingen. Foto: Helmut Stapel
BU 6: Faszinierende „Fenster zur Nordsee“ - die Aquarien im Zoo am Meer. Foto: Helmut Stapel





